Antisemitismus ist jede Form von Feindseligkeit gegenüber Juden, bei der Juden nicht konkret wahrgenommen werden, sondern mit dem durch antisemitische Ideologie konstruierten Bild „des Juden“ identifiziert werden. Dieser imaginierten Figur „des Juden“ werden imaginäre Charakteristika (wie Wurzellosigkeit, künstliches und fremdes Wesen, Verschlagenheit, Bezug zum Geld, Korruption, Macht, Weltverschwörung) zugeschrieben.
Für den Antisemiten stellt die imaginäre Figur “des Juden” die Realität dar. “Der Jude“ ist die tatsächliche Verkörperung eines feindlichen Prinzips, die ihm zugeschriebene, abstrakte Macht ist real und allgegenwärtig . Darin unterscheidet sich Antisemitismus von Rassismus, der dem „minderwertigen“ Anderen eine lediglich potentielle, konkrete Macht (sexuell, materiell etc.) zuschreibt. Diese Vorstellung der „jüdischen Macht“ zeichnet den Antisemitismus aus: Dass alle Argumente gegen ihn als Ergebnis dieser Macht interpretiert und abgewehrt werden können, macht Antisemitismus zu einem geschlossenen Gedankensystem, das rationalen Argumenten völlig unzugänglich ist.
Bezeichnet man Antisemitismus als die Verwandlung von Juden (als realen Personen) in „die Juden“ (als imaginierte Figur) und legt so die Betonung auf den Akt der Identifizierung mit dieser Figur, kann man dann von Antisemitismus sprechen, wenn Juden, aber auch Nicht-Juden angegriffen werden, weil sie Juden sind bzw. als solche wahrgenommen werden. Das würde bedeuten, dass nicht jede Feindseligkeit gegenüber Juden antisemitisch ist und auch Nicht-Juden das Ziel von Antisemitismus werden können.
Diese Bezeichnung wird verwendet, um der Entwicklung des stark religiös motivierten Antisemitismus im Mittelalter hin zu einer sozialen und vor allem rassistisch verdichteten Vernichtungsideologie in der modernen bürgerlichen Gesellschaft Rechnung zu tragen. Das Auftreten des Modernen Antisemitismus im 19. Jhd. setzte Jahrhunderte früherer Formen des Antisemitismus voraus. Die Bezeichnung bietet sich vor allem dann an, wenn keine begriffliche Abgrenzung bspw. durch die Verwendung des Begriffs Antijudaismus vorgenommen wird.
Siehe Moderner AS. Das spezifische Charakteristikum ist die Identifizierung „der Juden“ als „das Böse“, dem weder durch Konvertierung (religiös) noch durch Raub (sozial) begegnet werden kann, sondern von dem die Welt mittels Vernichtung befreit werden muss. Während für diese Zuspitzung die Verbindung mit der „Rassenlehre“ gerade im Nationalsozialismus entscheidend war, ist dieses Element heute nicht überall zentral. So orientiert sie der Antisemitismus der Hamas in seinem Vernichtungswillen gegenüber Juden wieder stärker an religiösen Motiven: „Der Prophet – Andacht und Frieden Allahs sei mit ihm - erklärte: Die Zeit wird nicht anbrechen, bevor nicht die Muslime die Juden bekämpfen und sie töten.“ (Charta der Hamas).
Der Begriff wurde von Mitgliedern der Frankfurter Schule geprägt und bezeichnet die spezifische Form, die der Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft nach Auschwitz annimmt, nämlich die der Erinnerungs- und Schuldabwehr. Da jeglicher deutsch-nationalen Identität und Normalität immer die Erinnerung an Auschwitz im Wege stehen muss, bleibt allen, die danach streben, nur, die Juden zu den eigentlichen Schuldigen zu erklären. Die Aussage “die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen“ bringt die Funktionsweise des sekundären Antisemitismus auf den Punkt.
Das Instrumentarium dieser Schuldabwehr reicht von der Leugnung oder Bagatellisierung des Holocausts, Verdrängung und Schlussstrichforderungen bis hin zur Entlastung der Deutschen und Schuldzuweisungen an Juden. Die Täter-Opfer-Umkehr ist besonders ergiebig, wenn sich herausstellt, dass die Juden „die Nazis von heute“ sind und die Lehre aus Auschwitz im Vorgehen gegen die Juden bzw. Israel besteht.
Der Begriff bezieht sich ursprünglich auf eine Analyse, welche die Funktionsweise und Wirkungsmacht des Antisemitismus aus seinem inneren Zusammenhang mit den Erkenntnisstrukturen im Kapitalismus erklärt (siehe Postone, Kurz).
Dazu ist ein Rückgriff auf die Marx'sche Kategorie des Fetischs nötig, die eine Unterteilung von Erscheinungsform und Wesen der kapitalistischen Verhältnisse erlaubt. Die grundliegenden Zwangs- und Ausbeutungsverhältnisse finden im Kapitalismus keinen direkten Ausdruck, sondern werden durch Arbeit vermittelt und in Waren vergegenständlicht. Tatsächlich erscheint die Ware jedoch nur als Repräsentant einer stofflichen Natur, während das Geld allein die Erscheinungsform des Werts ist. So verdeckt sich der gesellschaftliche Zusammenhang im Fetischcharakter der Ware selbst, da er sich verdinglicht als Gegensatz von Konkretem und Abstraktem darstellt.
Diese fetischisierte Wahrnehmung, die das Kapitalverhältnis aufspaltet in eine stoffliche Natur von Arbeit und Produkten, die erst durch die abstrakte Ebene von Geld und Zins zum Kapitalismus werden, ist also direktes Ergebnis des Kapitalverhältnisses, da dies seine Erscheinungsweise ist. Die daraus resultierende „Verkürzte Kapitalismuskritik“ meint, im einseitigen Angriff auf das Abstrakte (Vernunft, Recht, Geld, Zins) den Kapitalismus zu bekämpfen und zu überwinden. Die Verdinglichung und Biologisierung des Abstrakten durch die Identifizierung mit „dem Juden“ markiert den Schritt zum Antisemitismus. So lässt sich das Selbstverständnis der Nazis als „antikapitalistische Revolte“ erklären, weil die Nazis mit ihrem modernen Antisemitismus im Juden die personifizierte Herrschaft des Kapitals zu finden und bekämpfen glaubten.
Finanzmarktkritik wird aufgrund dieser Analyse als „Verkürzte Kapitalismuskritik“ und damit als „strukturell antisemitisch“ bezeichnet. Allerdings ist der Begriff des Strukturellen Antisemitismus nicht nur ungenau, sondern sogar irreführend. Denn eine erkenntnistheoretische Analyse von Strukturen als Ermöglichungsbedingungen von Antisemitismus bedeutet noch keine Gleichsetzung mit ihm. Zutreffender wären Bezeichnungen wie „Antisemitismus fördernd strukturiert“ oder „strukturelles antisemitisches Potenzial“.
Neben dieser wertkritischen Variante wird die Kategorie des „strukturellen Antisemitismus“ auch allgemeiner verwendet, um strukturelle Parallelen von Weltbildern zum Antisemitismus zu bezeichnen. So haben z.B. Manichäismus, Personifizierung und Verschwörungstheorien im Allgemeinen ein durch die Struktur gegebenes antisemitisches Potenzial (siehe Haury).
Der Begriff wird auf unterschiedliche Arten gebraucht. Meist liegt ihm ein Bezug auf Israel als existierenden jüdischen Staat und Antisemitismus von arabischer Seite zugrunde. Er tritt sowohl in den arabischen Staaten, als auch bspw. in Europa auf. In einigen Ansätzen wird dieser als bloße Reaktion auf die Unterdrückung durch Israel interpretiert, weshalb er angeblich keine Herrschaftsideologie im herkömmlichen Sinn darstellt. In manchen Fällen geht diese Argumentation so weit, zu postulieren, es handle sich gar nicht um Antisemitismus. (zum Antisemitismus der arabischen Welt siehe Charta der Hamas; zum Antisemitismus als „Herrschaftsideologie“ siehe Postone) Andere Ansätze betonen die Gefahr, diesen arabischen Antisemitismus in der Form einer Kritik am Staat Israel nicht als solchen zu erkennen, gerade aufgrund seiner Verschränkung mit Unterdrückungssystemen wie Rassismus und Kolonialismus (siehe Herzinger).
Insgesamt stellt sich dennoch die Frage, ob die Verwendung eines neuen Begriffs(-Zusatzes) sinnvoll ist, da Veränderung suggeriert wird, wo im gegen Juden oder eben Israel als „Jude unter den Staaten“ gerichteten Antisemitismus tatsächlich erstaunliche Kontinuität besteht. Verwendet man den Begriff, sollte klar sein, dass ein Neuer Antisemitismus nicht ungefährlicher als der Moderne Antisemitismus ist, auch wenn er unter anderen Rahmenbedingungen auftritt.
Zunächst bedeutet Antizionismus die Ablehnung des Zionismus als politisches Projekt, einen jüdischen Nationalstaat aufzubauen, was vor dem Nationalsozialismus das Gegenprojekt zu Assimilation und Revolution war.
Vor dem Hintergrund von Auschwitz und mit der Existenz des Staates Israel bedeutet Antizionismus heute nicht selten, das Existenzrecht von Israel in Frage zu stellen und unter dem Deckmantel des Antizionismus antisemitische Positionen zu vertreten. Dies ist besonders wahrscheinlich, wenn typische Erklärungsmuster wie Manichäismus, Personifizierung, Verschwörungstheorien etc., die beispielsweise das linke antiimperialistische Weltbild auszeichnen, auf den Nahostkonflikt angewendet werden (siehe Haury). Antizionismus in Deutschland bietet zudem eine hervorragende Möglichkeit, Schuldabwehr zu betreiben, da er eine Verlagerung von Gefühlen und Einstellungen, die gegenüber „den Juden“ antisemitisch wären, zu Einstellungen gegenüber „den Zionisten“ ermöglicht (siehe sekundärer Antisemitismus).
Die Problematik der Unterscheidung von gerechtfertigter und antisemitisch unterlegter Kritik lässt sich definitorisch nicht befriedigend klären. Die einzige überzeugende Lösung ist unsere Meinung nach, als Grundlage für eine politische Kritik an Israel, gegen Antisemitismus - insbesondere in den Reihen der IsraelkritikerInnen - aufzutreten.